Hochparterre – Zukunft spinnen source: https://www.hochparterre.ch/nachrichten/design/zukunft-spinnen Authorin: Mirjam Rombach
abgerufen: 11.03.2025
Die Designerinnen Alix Arto und Emma Casella setzen auf ein starkes Netzwerk und die Weitergabe von Wissen, um die Verwendung von Schweizer Wolle zu fördern. Damit leisten sie wichtige Aufbauarbeit.
Fotos: Nelly Rodriguez
Die Designerinnen Alix Arto und Emma Casella setzen auf ein starkes Netzwerk und die Weitergabe von Wissen, um die Verwendung von Schweizer Wolle zu fördern. Damit leisten sie wichtige Aufbauarbeit.
Mirjam Rombach 26.02.2026 14:00
Schafe sind bemerkenswerte Tiere. Sie können Menschen anhand von Fotos unterscheiden und Gesichtsausdrücke erkennen – Lächeln gefällt ihnen besser als Stirnrunzeln. Sie schliessen lebenslange Freundschaften, verfügen über ein Sichtfeld von mehr als 300 Grad und haben Emotionen wie Langeweile, Wut oder Glück. Seit Jahrtausenden nutzt der Mensch die Milch und das Fleisch des umgänglichen Tiers – und ausserdem die Wolle, früher auch ‹weisses Gold› genannt. Man sammelte sogar hängen gebliebene Flocken von den Büschen, um nicht das kleinste bisschen zu verlieren.
Von dieser Wertschätzung ist nicht mehr viel übrig. Schweizer Wolle wird heute tonnenweise entsorgt, verbrannt, kompostiert. Und auch in den europäischen Nachbarländern ist die Situation nicht viel anders. «Schon als Kind habe ich von dieser Verschwendung gehört. Darum wollte ich etwas tun», sagt Alix Arto, deren ungarischer Nachname eigentlich Szijártó lautet, «aber das kann niemand aussprechen». Gemeinsam mit der Tessinerin Emma Casella hat sie sich zum Ziel gesetzt, Schweizer Wolle wieder zu dem zu machen, was sie schon immer war: ein wertvoller Rohstoff, der an Qualität und Nachhaltigkeit kaum zu überbieten ist.

Schafwolle ist nicht nur ein Rohstoff, sondern ein Teil unserer Tradition.
Die beiden Designerinnen sitzen in einem Häuschen am Stadtrand von Lugano. Rundum ragen Bauprofile in den Himmel, dahinter liegt der Monte Brè. Emma Casella teilt sich den Raum mit weiteren Kreativschaffenden, bald zieht sie in ein neues Atelier. Sie streicht über ein Gestrick aus ungefärbter Wolle. Es fühlt sich kratzig an. «Die Wolle einheimischer Schafrassen ist perfekt ans Schweizer Klima angepasst. Darum werden ihre Fasern immer rauer sein als die von australischer Wolle: Temperaturschwankungen wirken sich auf das Haar aus», sagt sie. «Schweizer Wolle ist selten weich genug, dass man sie am Körper tragen könnte. Doch in der Architektur und im Design gibt es genug Einsatzmöglichkeiten – wir müssen sie bloss finden.» Besonders interessant findet Emma Casella die Nutzung in Innenräumen, etwa in der Schallabsorption, wo heute meist erdölbasierter Filz zum Einsatz kommt. Denn Wolle verbessert nicht nur die Akustik, sondern reinigt auch die Luft und reguliert die Feuchtigkeit.

Einblick in Emma Casellas Atelier in Lugano, das sie sich mit anderen Kreativen teilt.
Auf die Suche nach Lösungen begab sich Casella schon während ihrer Diplomarbeit an der Lausanner Hochschule für Kunst und Design (Ecal). Sie entwickelte eine wollene Babytrage, die sie 2023 während der Mailänder Möbelmesse im House of Switzerland präsentierte. Dort lernte sie die Westschweizerin Alix Arto kennen, die ebenfalls eine textile Arbeit ausstellte. Aus der Begegnung hat sich eine wegweisende Zusammenarbeit entsponnen.
Das nötige Basiswissen
Während eines Residenzaufenthalts an der Róng Design Library in Yuhang, China, begegnete Arto 2023 der Designerin Yihan Zhang. Beide hatten die Ecal absolviert, kannten einander jedoch nicht. Rasch teilten sie gemeinsame Interessen und initiierten ein Rechercheprojekt, um das Potenzial von Schaf- und Yakwolle zwischen Handwerk und zeitgenössischem Design auszuloten – sowohl in der Schweiz als auch in China.
Denn trotz riesiger Unterschiede teilen die beiden Länder das gleiche Problem: Die Wolle einheimischer Tiere bringt immer weniger ein, weil sie nicht mit den optimierten Lieferketten des globalen Markts und mit billiger Synthetik konkurrieren kann. Gleich zu Beginn der Recherche stiess auch Emma Casella zum Team, die durch ihre Abschlussarbeit gut vernetzt war in der kleinen, trotz aller Mühen beharrlich agierenden Schweizer Wollszene.

Emma Casella beim Verspinnen von weisser Wolle.
Während rund eines Jahrs sprachen Arto, Casella und Zhang in China, im tibetischen Hochland, in der inneren Mongolei und der Schweiz mit Menschen, die sich im unübersichtlichen Universum von Herdentieren und ihrer Wolle bewegen: Schaf- und Yakhalter*innen, Agronom*innen, Züchter*innen, Wollverarbeiter*innen, Filzfabrikant*innen, Schäfer*innen sowie Gründer*innen von Handwerkskooperativen und Genossenschaften zur Aufwertung übernutzten Graslandes. Parallel dazu experimentierten die Designerinnen mit Filz. Zwar hängt der uralten Textilverarbeitungstechnik noch immer ein Öko-Bastelbuden-Image an. Doch Filzen schont Ressourcen, weil man die Wolle vorab nicht zu Garn spinnen muss.
Obwohl wir das Haar sämtlicher Schafrassen meist pauschal als Schurwolle bezeichnen – einmal abgesehen von teurer Merinowolle –, unterscheiden sich die jeweiligen Fasern beträchtlich. Welche haptischen und visuellen Eigenschaften sie entwickeln, wenn sie verfilzen, haben die Designerinnen erforscht, indem sie die Fasern stets nach demselben Vorgehen verarbeiteten. Die präzis dokumentierten Filzquadrate bilden eine kleine Datenbank. Sie hält beispielsweise fest, dass die hellgraue Wolle der Heideschnucke stärker schrumpft als die des Schwarzbraunen Bergschafs oder dass der Filz des vierhörnigen Jakobschafs grifffester ist als der des kleinschwänzigen Han-Schafs – hilfreiche Informationen für diejenigen, die mit Wolle arbeiten wollen. «Ohne das nötige Basiswissen fangen alle bei null an», sagt Alix Arto. «Man sammelt ähnliche Erfahrungen und hört am gleichen Punkt auf, sobald Energie und Geld ausgehen. Wären gewisse Basics über ein Materialarchiv zugänglich, wären andere Resultate möglich.»

Eine Datenbank soll den Gebrauch von einheimischer Wolle erleichtern.
Um diese Probleme zu adressieren, haben die Designerinnen das Amt von Botschafterinnen für Wolle übernommen. Sie haben ihre Materialrecherche als Ausstellung aufbereitet, um auf die Verbindung zwischen Landschaft, Tierhaltung, lokalen Rohstoffen und Lieferketten hinzuweisen. Pünktlich zur Mailänder Designwoche 2025 ist ihr Buch ‹ Herding Wool, Focus on Felt › erschienen, das reichhaltige Interviews in die Etappen der Wollgewinnung gliedert. «Es gibt Bücher über das Filzen, in denen das Wort ‹Schaf› nicht einmal fällt», stellt Emma Casella verwundert fest, «als ob wir nicht um die Herkunft dieses Materials wüssten.» Sie und ihre Mitstreiterinnen veranstalten immer wieder Talks und Workshops, die sich an ein Publikum ausserhalb der Woll- oder Designbubble richten. Das gelingt gut: «Wolle zu berühren, weckt Emotionen. Viele finden dadurch einen Zugang zum Thema», sagt Casella.

‹Herding Wool, Focus on Felt› ist 2025 erschienen.
Die Wollbibliothek als Werkzeug
Mittlerweile arbeitet das Trio zweigeteilt. Zhang hat sich in China als Designerin selbständig gemacht und plant den Aufbau einer Datenbank über die Wolle einheimischer Schafrassen. Das gleiche Ziel verfolgen Alix Arto und Emma Casella – zusammen mit der Nachhaltigkeitsberaterin Nina Conrad vom Verein Fibershe d. Er setzt sich für regionale, nachhaltige und zirkuläre Textilsysteme ein. Vorbild für die ‹ Swiss Wool Library › ein Pilotprojekt, das die drei Frauen 2025 in Kooperation mit dem EU-Förderprojekt ‹Alp Textyles› umgesetzt haben: Die ‹ Alpine Wool Library › versammelt Wollproben von Schafrassen aus dem europäischen Alpenraum. Um ihre Fasereigenschaften wissenschaftlich zu dokumentieren und ihr Verarbeitungspotenzial zu untersuchen, arbeitete das Team mit Textilforscher*innen von der Hochschule Luzern sowie mit kleinen Wollverarbeitungskooperativen und -betrieben zusammen. Arto und Casella spannten sogar ihre Mütter ein – von ihnen stammen die meisten Handstrickproben.

Wolle ist nicht gleich Wolle: Jede Rasse, jedes Klima bringt andere Eigenschaften hervor.
Die Schweizer Wollbibliothek soll die hiesigen Schafrassen systematisch dokumentieren. Im Fokus stehen besonders diejenigen, die weit verbreitet sind, sowie Mischrassen, die immer häufiger vorkommen und interessante Fasermischungen aufweisen. Die Bibliothek könnte ein Werkzeug sein, das die Risiken und Nachteile – etwa Qualitätsunterschiede oder fragile Verarbeitungsketten – zumindest ansatzweise auffängt: Durch sie erhalten Designer*innen, Markenfirmen, Studierende und Forschende transparente Informationen über Eigenschaften, Potenzial und Materialbeschaffung. Mehr Sicherheit, mehr Nachfrage, so hofft das Trio – und es verspricht sich, eine stabilere Wertschöpfungskette bilden und so grössere Mengen verarbeiten zu können.
Geldsuche und Geduldsspiel
«Viele Menschen, die mit Wolle arbeiten, haben diesen ‹smell of wool passion› an sich», sagt Alix Arto, «das fasziniert mich und ist einer der Gründe, warum mich dieses Material nicht mehr loslässt.» Gemeinsam mit einer Gruppe von mehr als 25 Wollliebhaber*innen haben sie, Casella und Conrad im vergangenen September die Fédération Suisse de la Laine gegründet. Der Interessenverband vernetzt Schafzüchter*innen, Verarbeitungsbetriebe, Kunsthandwerker*innen und Designschaffende, fördert den Austausch von Wissen und vertritt die Branche gegenüber Politik und Wirtschaft. Erklärtes Ziel: Wolle fördern, deren Produktion in der Schweiz stattfindet. Als Erstes will der Verband eine Wollwaschanlage einrichten und damit eine regionale Lücke schliessen.

Emma Casella (l.) und Alix Arto planen den Aufbau einer Schweizer Wollbibliothek.
Je länger man den Designerinnen zuhört, desto stärker wird das Bild einzelner Stränge, die in einem riesigen Geflecht zusammenfinden: So viele Projekte, Kooperationen und Ideen gleichzeitig, parallel zur eigenen Designpraxis, die sie unabhängig voneinander vorantreiben – Casella in Lugano, Arto, indem sie zwischen Vevey und Marseille pendelt. «Wir sind noch keine Marke und auch kein Designduo», stellt Casella klar. Vielmehr seien sie eine Art Plattform, die Wissen vermittelt und Menschen verknüpft. Diese Vielteiligkeit erinnert an die zahlreichen Perspektiven, die Teil der Wollbranche sind. «Lange hatte ich das Gefühl, meine gesellschaftspolitische Einstellung und meine Arbeit hätten nichts miteinander zu tun. Bei Wolle kommt alles zusammen», erklärt Alix Arto, «mit ihr kann ich auch über Feminismus sprechen oder über die Art, wie wir mit Land umgehen.»
Derzeit suchen die Designerinnen nach finanzieller Förderung für die ‹Swiss Wool Library›. Einfach ist das nicht, weil das Kollektiv weder kommerziell noch künstlerisch funktioniert und sich schlecht einordnen lässt. Bisher verzichteten Arto und Casella bewusst darauf, selbst Objekte zu entwerfen. Wichtiger war ihnen, anderen ihr Know-how zur Verfügung zu stellen. Nun kooperieren sie mit verschiedenen Marken, um kommerzielle Einstiegsmöglichkeiten für Wolle zu erkunden und Objekte zu gestalten. Gemeinsam vorzugehen, davon sind sie überzeugt, dient der Wolle am meisten. Indem sie andere aus den Bereichen Gestaltung und Architektur und vor allem Marken dabei unterstützen, Schweizer Wolle zu nutzen, soll der Sprung auf ein industrielles Niveau gelingen – auch ausserhalb bekannter Einsatzgebiete wie der Wärmedämmung. Wie weit entfernt dieses Ziel ist, ist ihnen bewusst – Geduld, Leidenschaft und Beharrlichkeit gehören offenbar dazu, wenn es um Schafe und ihre Haare geht.

Für die Strickproben der ‹Alpine Wool Library› kooperierten die Designerinnen mit der Hochschule Luzern und dem dort angesiedelten ‹SpinnLab›.
Im Zeichen des Schafs
Etwas zu feiern gebe es spätestens im Jahr 2027, das nach dem chinesischen Kalender im Zeichen des Schafs steht. Ein Grund mehr, den Blick auf die Wolle zu lenken, die mehr kann als jede andere Faser. Das unterstreicht der Einführungstext der ‹Herding Wool›-Publikation, der eine Passage aus dem Buch ‹Wolle vom Schaf› enthält: «Würde eines Tages berichtet, dass eine Textilfaser entdeckt worden sei, die unter freiem Himmel oder in einfachen Gebäuden mit geringem Energieverbrauch und ohne gefährliche Abfallprodukte erzeugt werden kann, dazu noch in verschiedenen Feinheiten und Längen, unser Interesse wäre geweckt. Würde weiter bekannt, die Faser sei leicht zu veredeln, zu färben und mit anderen Fasern zu mischen, sei giftfrei und hautfreundlich, elastisch, lärmdämpfend, wärme- und feuchtigkeitsausgleichend, schmutz- und wasserabstossend, schwer entflammbar, leicht zu reinigen und fast knitterfrei, wiederverwendbar und hundertprozentig biologisch abbaubar, welchen Namen würden wir dieser Faser geben? Wahrscheinlich würde man von einer Wunderfaser sprechen.»