Schweizer Wolle Hochleistungsfaser und Abfall zugleich – Hochparterre

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abgerufen: 11.03.2026


Wolle ist nicht gleich Wolle: Jede Schafrasse, jedes Klima bringt andere Eigenschaften hervor.Fotos: Nelly Rodriguez

Schweizer Wolle: Hochleistungsfaser und Abfall zugleich

Wolle ist eine Alleskönnerin – und trotzdem geringgeschätzt. Ein Blick auf Geschichte und Gegenwart zeigt, warum das so ist. Die Zukunft verlangt einen anderen Umgang mit dem wertvollen Rohstoff.

Mirjam Rombach   26.02.2026 13:59

Die Schweiz ist ein rohstoffarmes Land. Es gibt Ton, Gestein, Salz – und Schafwolle. Mehr als 400 000 Schafeleben hier, jedes bringt jährlich um die 4 Kilogramm flauschigen Rohstoff auf die Waage. Verwertet wird nur ein Teil der Wolle, der Rest landet im Abfall. Gründe dafür gibt es viele. Fast alle haben mit Geld zu tun: Seit der Weltmarkt mit billiger Synthetik geflutet wird, bringt Wolle immer weniger ein. In vorsynthetischer Zeit verdienten Schafhalter*innen damit einen guten Teil ihres Einkommens. Heute kostet die Schur 5 bis 8 Franken pro Schaf. Ein Kilo bester weisser Wolle bringt jedoch nur noch etwa 80 Rappen ein, braune halb so viel.

Lange hatte der Bund die sinkenden Einnahmen überbrückt und den Schafhalter*innen einen fixen Abnahmepreis garantiert. Doch als die Schweizer Armee für ihre Uniformen auf Kunststoff umstieg, die Subventionen später gekürzt und zudem nicht mehr pro Kilo gesammelter Wolle, sondern pro Kilo in der Schweiz verarbeiteter Wolle ausgezahlt wurden, verschärfte sich die Krise. Die Schweizerische Inlandwollzentrale musste schliessen, Schafhalter*innen verbrannten alles, was keine Abnehmer mehr fand. In die Bresche gesprungen sind bestehende und neue Betriebe, deren Gründer diese Verschwendung nicht mitansehen mochten. Sie sammeln die Wolle und verarbeiten sie zu Dämmplatten, Industriefilz, Dünger, Bettwaren oder Teppichen. Doch der Preisdruck ist hoch, und obwohl die Betriebe weit weniger Wolle verarbeiten, als anfällt, kommen sie mit dem Verkauf ihrer Produkte kaum nach. Es fehlen Käufer*innen. Fällt ein Glied in der Verarbeitungskette aus, fehlen zudem Alternativen: Als die belgische Wäscherei, die einen Grossteil der Schweizer Wolle reinigt, im Frühling 2025 vor dem Aus stand, blieben viele Schafbäuer*innen auf ihrer Frühjahrsschur sitzen.

Im Jahr 2024 wurden weltweit 132 Millionen Tonnen Textilfasern produziert. Rund 70 Prozent davon basierten auf Erdöl, der Rest entfiel auf Pflanzenfasern wie Baumwolle und Zellulosefasern. Nur 1 Prozent davon war Wolle, zu einem grossen Teil von Merinoschafen, deren feines Haar besonders beliebt ist; über drei Viertel davon stammen aus Australien. Die riesigen australischen Herden – mehr als 70 Millionen Tiere – sind sowohl ökologisch als auch ethisch problematisch. Die Lämmersterblichkeit ist hoch, zudem schneiden Züchter*innen den Lämmern – ohne Narkose – überschüssige Hautfalten am Hinterteil ab, die man angezüchtet hat, um mehr Ertrag zu generieren. Auch andernorts grasen immer mehr Merinoschafe. Oft verdrängen sie robustere einheimische Rassen, die perfekt an ihre Umgebung angepasst sind.

In der Schweiz hat die Schafhaltung eine jahrtausendealte Tradition. Doch während früher Wolle, Milch und Fleisch als wertvoll galten, zählt heute fast nur noch Letzteres. Etwa die Hälfte aller Tiere verbringen ihre Sommer in den Alpen, wo sie zur Landschaftspflege beitragen. Das Engadinerschaf etwa frisst invasive Grünerlen. Noch im 20. Jahrhundert war die Rasse fast ausgestorben, weil sie langsam wächst und kaum Fett ansetzt – schlechte Voraussetzungen in einer Zeit, die nur das Fleisch schätzt. Dass Züchter*innen vermehrt auf die Rasse Nolana setzen, sagt viel über die derzeitige Lage aus: Die Schafe müssen nicht geschoren werden – die «Dauerwolle» wurde wieder weggezüchtet. Den ökologischen Irrsinn, uns mit Stoffen zu umgeben, die unablässig Mikroplastik freisetzen, oder Strickwaren um die halbe Welt zu transportieren, während europäische Wolle ungenutzt bleibt, können wir uns nicht länger leisten – auch wenn es mehr kostet.

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